„Eindrucksvoller“ Pamir – Am Rand des Dachs der Welt

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Ein landschaftliches Highlight der Route lag vor uns – der Pamir Highway und das Wakhan-Tal.

Nach 6 Nächten in Dushanbe waren wir froh wieder Asphalt unter die Räder zu kriegen. Frohen Mutes, neuer Vergaser im Gepäck, Benzinpumpe auf einen Verdacht hin abgehängt, ging es los. Die Benzintanks alle randvoll mit gutem 95 Oktan Benzin, 47 l 🙂

Ugh, die Fahrt aus einer grossen Stadt dauert einfach immer ewig. Dies war auch in Dushanbe nicht anders. Wilder Verkehr und Hitze. Im ersten Dorf nach der Stadt winkte uns ein Polizist raus, Radarpistole im Anschlag. Wir seien zu schnell gefahren. Stimmt, das Ortsschild einige 100 m zurück hatten wir völlig übersehen. Er konnte nur Tadschikisch und Russisch, wir beides nicht. Trotz unseres Geständnisses zückte er keinen Block um eine Busse auszustellen. Bei der 10. Wiederholung von wir seien 74 km/h in der 60 km/h-Zone gefahren wurde es etwas langweilig. Der Polizist schien das auch so zu sehen – wohl zusammen mit der Erleuchtung, dass wir wirklich keine gemeinsame Sprache sprechen. Dawai, dawai, nun fahrt schon ihr unzivilisierten Touristen!

Lektion gelernt. An jedem Ortsschild bremsten wir auf 60 km/h ab. Ein Verkehrshindernis für die lokalen Autofahrer. Doch es nützte nichts. Wir wurden wieder und wieder angehalten, immer mit der Radarpistole im Anschlag. Jedes Mal wurde die Situation lachhafter, die km/h unglaubwürdiger. Auf 113 km vier Verkehrsdelikte. Der letzte mit 65 km/h in der 40 km/h-Zone. Nicht ein einziges Mal wurde ein Strafzettel ausgestellt. Die Polizisten warteten auf Allah und wir auf die Polizisten. Allah kam nicht – man schickte uns unseres Weges!

Wir überholten einige Fahrradfahrer, die wir aus dem Guesthouse in Dushanbe kannten. Eine letzte Abzweigung, eine Polizeikontrolle und es ging aufwärts – der Pamir Highway begann ernsthaft. Sonnenschein, Kurven, schöne Landschaft und blauer Himmel. Der Khaburabot-Pass mit seinen 3253 m lag vor uns. Die KTM liefen wie am Schnürchen. Thomas hatte bei seiner die Benzinpumpe abgehängt, da irgend so ein Guru meinte, seine KTM hätte mal die gleichen Probleme gemacht als die Benzinpumpe kaputt war. Kurve um Kurve stiegen wir an. Die Piste wurde schmaler und unebener, der Himmel hinter uns schwarzer. Hmmm, Zelt aufstellen? Auf fast 3000 m könnte das etwas kalt werden. Hinter dem Pass sahen wir noch blauen Himmel. Wir entschieden uns zur Überquerung.

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Wenige Kilometer hinter der Passhöhe holte uns die Mutter aller Gewitter ein. Sollte die Erde jemals in Gewitterstürmen untergehen, wissen wir nun was uns erwartet. In dem engen, tiefen Tal lief innert Minuten erst ein Bach, dann ein Fluss die Piste runter. Der Bach neben der Strasse wurde zum reissenden Inferno. An den Felswänden entstanden Wasserfälle, wo sonst keine sind. Als sich dann auch noch Steine und Felsen auf den Weg ins Tal machten, wussten wir dass es Zeit ist Gas zu geben. Kaum wurde das Tal weiter, war die Piste durch einen Schlagbaum gesperrt. Eine gut eingehüllte Figur verlangte unsere Pässe zu sehen. Die spinnen, die Tadschiken. Es dauerte eine Weile bis der Gute begriff, dass wir unsere Dokumente nicht dem strömenden Regen aussetzen würden. Sein Kompagnon rief uns in den Unterschlupft. Geschützt vor Wind und Regen nahm alles seinen Lauf. In der Stadt gäbe es ein Hotel, hiess es dann. Stadt, in dieser Gottverlassenen Gegend gibt es eine Stadt? Mit einem letzten Rutscher endete die Piste mitten in der Stadt Kalai Khumb, direkt am Kreisel. Dort stand einer mit Schirm, als ob er auf uns gewartet hätte, und pries sein Hotel an. Er spurtete auch gleich los, den Weg weisend. So sassen wir bald am Trockenen während der Regen noch weitere zwei Stunden herunter prasselte.

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Garage mit Aussicht

 

Khorog, die Hauptstadt der Kuhistoni Badakhshon Autonomous Region, war der nächste Wegpunkt.

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Nach einem Tag Aufenthalt, an dem Thomas seine Benzinpumpe flickte, den neuen Vergaser einbaute und sonst noch etwas flickte, ging es ins Wakhan-Tal. Auf der anderen Flussseite konnten wir das Leben in Afghanistan beobachten. Wir bewegten uns langsam von 2200 m auf ca. 2‘800 m, meist auf Piste durch das breite, recht besiedelte und sehr fruchtbare Tal.

Zusammen mit Joris, einem Holländer, den wir in Dushanbe getroffen hatten, campten wir am Rande eines Feldes auf 3‘200 m mit Blick auf den Hindukusch.K1600_DSC_0405012

Mein Motor begann zu stottern, ging aus. 1x, 2x, dann fiel mir auf, dass mein Tank wie ein Luftballon aussah. Den Tankdeckel kriegten wir nicht auf. Thomas zog den Entlüftungsschlauch ab und ein kleiner Geysir brach aus. Gut 10 Minuten blubberte es im Tank, zischte Gas unter Druck aus der Öffnung. So was haben wir noch nie erlebt. Doch ohne den Druck lief das Motorrad wieder einwandfrei. Auf dem Weg zum Khargush-Pass, der uns wieder auf den Pamir Highway bringen sollte, begegneten wir einem Schweizer und einem Holländer Paar in mit ihren Geländewagen.

Mit Joris vereinbarten wir ein Treffen an der Kreuzung mit dem Pamir Highway um eventuell eine weitere Nacht gemeinsam zu campen – auf 4‘000m an den Seen bei Bulunkul. Während wir also auf Joris warteten kam ein Schweizer Geländewagen, der vorher ohne anzuhalten an uns vorbei gefahren war, zurück und meinte, der Holländer, mit dem wir reisten, hätte eine Benzinpanne. Noch während wir umdrehten um Joris zu helfen, Benzin hatten wir ja genug, zog eine Regenfront auf. Die Ausläufer erreichten uns beim Benzin umfüllen. K1600_DSC_0442017Einige Schneeflocken fielen. Joris hatte nur noch ein Ziel: eine Tankstelle. Wir wollten hingegen bei schlechtem Wetter nicht auf 4‘000 m campen. So ging es auf der M41, dem Pamir Highway, durch wüstenartige Hochgebirgslandschaft nach Murghab. In einem Dorf am Weg, in dem Joris nach Benzin suchte, begegneten wir unserem ersten Yak auf der Reise. Ein Ausreisser, den man aus dem Dorf jagte. 2 weitere Tankstops aus meinen hinteren Tanks und wir hatten unser Ziel, die Kanistertankstelle in Murghab erreicht. K1600_DSCN3135031Doch das Hotel bot Rabatt auf Benzin und Übernachtung. Ein Angebot, dass wir akzeptierten.

Grauer Himmel und tiefhängende Wolken begrüssten uns am nächsten Morgen. Da wir wegen der Aussicht hier waren, machten wir einen Tag Pause. Eine schlaue Entscheidung, wie sich herausstellte, als das erste Gewitter morgens um 10 Uhr über das Tal zog. Am Mittag kehrten die Radfahren, die am Morgen losgefahren waren zurück – knapp vor der zweiten Gewitterfront. Ein Spaziergang zum Postamt stand an. Ansichtskarte für Henry, meinen Neffen, abschicken. Mit dem tadschikischen Wort bewaffnet machten wir uns auf den Weg. Immer wieder deutete man uns in eine Richtung, sogar an Lenin vorbei.K1600_DSCN3119025 Dann ein Mann an einem Brunnen. Der zeigte auf die Post, die geschlossen war. Da stand ich nun mit meiner Ansichtskarte. Er lachte, zeigte auf sich – er sei die Post. Er hätte nur den Schlüssel daheim gelassen. So gab ich ihm die Postkarte und einen Somoni… Ob sie je ankommt?

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Am Nachmittag auf dem Markt ist die Suche nach Brot ähnlich. Jeder ist hilfreich – bis zum nächsten Container.

Schliesslich stehen wir vor der Brotverkäuferin, die nur eine Reisetasche bei sich hat. Aus der zaubert sie aber noch warmes Brot. Da kaufen wir gleich zwei und essen eines auf dem Heimweg.

Blauer Himmel, Sonnenschein. Eine Hochebene, die einen an Bilder des Tibets erinnert. Yurten, Yak- und Pferdeherden, die die Landschaft zieren. Der Motor schnurrt, die Räder rollen über die Asphaltstrasse. Was kann das Leben mehr bieten? „Sandra, wir müssen stoppen. Meine Benzinpumpe ist hin“ holt einem da ganz schnell auf den Boden der Realität zurück. Die Benzinpumpe ist schnell abgehängt. Das Problem aber nicht behoben. Keine Benzinpumpe, neuer Vergaser, altes Problem L So zuckeln wir zum Akbaytal-Pass, mit 4‘655 m unser höchster, hoch. Oben trafen wir erst einen Polen auf einem chinesischen Motorrad auf dem Heimweg, einen Holländer mit einem chinesischen Motorrad auf dem Heimweg und einen Amerikaner mit seiner DR650 (genau eine wie meine damals). Hinten runter zum Karakul-See, der türkis leuchtete. Ein weiterer Pass auf 4‘232m, ein neues Hochtal, linker Hand einen schönen Blick auf Pik Lenin und ein letzter Anstieg zum Kyzyl-Art-Pass. 500m vor der Passhöhe holen wir am tadschikischen Grenzposten zu Joris auf. Ruckzuck warten wir draussen. 25 km Niemandsland, erst hoch auf 4‘336, dann hinten runter zum kirgisischen Grenzposten. Stempel rein und weiter zum Zoll. Einfach Formular ausfüllen und 500 Som bezahlen. Som???? Wir hatten US-Dollar, aber keine kirgisischen Som. Wo war die Bank? Keine Bank. Keine Som, zurück nach Tadschikistan. Geht nicht, Visum mit einmaliger Einreise. Endlich verstand der nette Herr, dass wir zwar bereit waren zu zahlen, aber nur Dollar hatten. Doch der Wechselkurs war weit unter dem, was wir in Tadschikistan an kirgisischen Som erhalten hätten. Erneute, diesmal hitzige Diskussion, in die sich ein anderer Soldat einmischte. Da fluchte Joris: Fuck, this system is not working. Der Soldat nahm das persönlich, begann eine Tirade über Rassismus. Wir guckten alle entgeistert. Erleichtert nahmen wir zur Kenntnis, als der Soldat, der Captain ist, abzieht. Inzwischen hatte ich mich auch mit dem netten Zöllner auf einen Wechselkurs geeinigt. Nun fehlte das Quittungsbuch. Viertelstunde später, endlich mit Quittungsbuch, fehlte der Stempel. Der Chef musste erst aus dem Ort hochfahren und unsere Einreise abstempeln, was weitere 30 Minuten dauerte. Als wir endlich fahren durften, mussten wir das Tor selber öffnen. Die Soldaten hatten sich vor dem scharfen Wind nach drin gerettet. Es dauerte noch 20 km bis der Ort Sary-Tash in Sicht kam. Eigentlich wollten wir nur Geldwechseln und zum campen rausfahren. Doch 5 km vor dem Ort kam noch ein Kontrollposten und dort wartete unser Freund von der Grenze. Nun wurde an uns ein Exempel statuiert und alles gefilmt. Joris musste beide Kisten komplett auspacken und den Inhalt fein säuberlich auf der Strasse ausbreiten. Dann wurden zwei Polizeihunde darüber geschickt. Thomas und ich kamen ganz glimpflich davon, warteten aber dann im beissenden Wind auf Joris, der noch zum Verhör musste. Endlich in Sary-Tash hatte keiner von uns mehr Lust zum Zelten. So blieben wir die Nacht in einem sehr einheimischen Hotel.

Am Morgen verabschiedete uns der Pamir mit einem wundervollen Blick.K1600_DSCN3148036 Sehnsuchtsvoll schauten wir zurück, während die Strasse uns nach Norden führte. Zurück Richtung Seidenstrasse…

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