Unser Abenteuer mit der kirgisischen Polizei

English version

Nur noch ein paar Kilometer, dann wollten wir Schluss machen. Es war schon nach 17 Uhr. Noch vom Toktogul-See weg, an den Fuss der Berge. Am Strassenrand stand ein Toyota Landcruiser. Kaum war Thomas an dem vorbei, kam rechts von einer kleinen Strasse ein weisses Auto. Thomas versuchte noch auszuweichen, doch zu spät. Das Auto erfasste seine rechte Seitentasche. Es knirschte und splitterte, dann schlitterten Mann und Motorrad an die 50 m die Strasse runter. Der Honda Step Wagon hielt neben dem Landcruiser. Ich hielt kurz hinter dem Auto an. Kaum war ich abgestiegen und Thomas wieder auf den Beinen gab der Honda Gas und verschwand. Da standen wir nun, Motorrad am Boden, Thomas zum Glück unverletzt.

Erste Aufgabe war das Motorrad von der Strasse zu kriegen. Dazu erhielten wir tatkräftige Unterstützung. Die abgerissene Seitentasche musste geholt werden, dann ging es erst mal an die Schadensaufnahme. Tasche hin, Hose und Jacke hin.

Ein Lastwagen mit Soldaten hielt an, um zu sehen ob sie helfen können. Bald sehend, dass dem nicht so war, fuhren sie weiter. Plötzlich stand ein Polizist in Zivil vor uns und wollte wissen, ob wir die Autonummer hätten. Hatten wir nicht. Er zog sich wieder in den unter einem Baum im Schatten stehenden BMW zurück. Der Landcruiser tauchte wieder auf, mit einem Teil der Nummer vom weissen Honda Step Wagon. Der Fahrer hatte zudem die Polizei angerufen. Auch der LKW mit den Soldaten kehrte zurück, sie hätten die Polizei informiert. Und so standen wir, 40 Minuten nach dem Unfall mit 8 Polizisten an der Unfallstelle. Es gab ein riesen Hin und Her, dann mussten wir einem Auto zum Polizeiposten in Toktogul folgen. K1600_IMG_1554029Dort standen wir dann erst einmal 90 Minuten im Hof, während die Polizisten in den Posten verschwanden. Dann wurden wir in ein Büro beordert, wo wir auf zwei Klappstühlen sassen und uns eine Rippe gebrochen. Abends um 22.30 Uhr verlor ich etwas die Geduld mit den Herren. Ich war müde, geschockt und hungrig. Doch das Prozedere schien kein Ende zu nehmen. Seit einiger Zeit war eine Dame anwesend, die etwas Englisch konnte, so dass wir uns wenigsten etwas verständigen konnten. Die Polizisten sprachen ja alle nur russisch. Die Polizei würde uns ein Hotelzimmer besorgen und wir würden auch zu essen kriegen, aber erst müsse Thomas ins Spital. Und morgen müsse er dann nochmals ins Spital um den Experten für den Polizeibericht zu besuchen. So kam es, dass wir abends um 23 Uhr mit einer Übersetzerin und zwei Polizisten, unser ganzes Gepäck im Auto, denn die Motorräder mussten bei der Polizei bleiben, ins Spital fuhren. Dort diagnostizierte der Arzt eine geprellte Rippe. Endlich konnten wir ins Hotel, wo wir um Mitternacht tatsächlich noch eine Suppe mit einheimischen Ravioli und ein Bier bekamen.

Um 7.30 Uhr wurden wir wieder abgeholt und zum Polizeiposten zurück gebracht. Ganz stolz wurde uns der Honda Step Wagon, der Thomas abgeschossen hatte, präsentiert. Dann ging es wieder ins Büro, wo wir erneut 2 Stunden warteten. Diesmal auf die Lehrerin, die übersetzen sollte. Dann ging es ins Spital, erst zum Experten, dann zum Arzt und schliesslich zum Röntgen. Die Röntgenaufnahmen durften wir dann selber bezahlen. Zum Ausländertarif, dreimal teurer als die Einheimischen.

Zurück auf dem Polizeiposten tauchte der Bruder des Fahrers auf. Er bot uns 150 USD Schadenersatz an, wenn wir die Klage fallen lassen würden. Das Ganze wurde sehr dramatisch. Ich musste mit dem Bruder und der Übersetzerin vor die Tür. Dort wurde ich bearbeitet, dass wir den Schadenersatz annehmen sollten. Der Fahrer sei jung und habe kein Geld. Wieso fährt er dann ein Auto????

Als klar wurde, dass wir nicht nachgeben würden, sollte Thomas plötzlich zum Alkoholtest. Der Fahrer sei nüchtern gewesen. Generell wurde die Atmosphäre aggressiver. So verlangten wir die Deutsche Botschaft zu sprechen. Es gab etliches an Diskussion bis sie schliesslich in Bishkek bei der Botschaft anriefen. Nach einem ausführlichen Gespräch zwischen Thomas und Botschaft, dann Botschaft und Polizei, hiess es, die Botschaft würde in 20 Minuten erneut anrufen. Wieder im Hof hiess es, wir müssten jetzt gehen. Einfach so, wo es vorher immer hiess, wir dürften erst gehen, wenn der Fall abgeschlossen sei? Und wirklich, man schmiss uns raus. Den Fahrer hatten sie schon gehen lassen. Wir erhielten nicht mal eine Kopie vom Unfallprotokoll. Stattdessen haben sie gelacht.

Der Polizist, der praktisch von Anfang an für uns verantwortlich war, ermöglichte mir dann noch einige Fotos vom Polizeibericht.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Der einzige Grund, wieso wir überhaupt mit zur Polizei sind: Alle haben versichert, die Polizei würde uns helfen.

Dass der junge Mann kein Geld hat, war uns auch klar. Aber wenigstens eine Entschuldigung wäre nett gewesen. Doch nichts. Der Polizist, der uns ziemlich von Anfang an betreut hatte, liess mich dann noch einige Fotos vom Polizeirapport machen. Natürlich alles auf Kirgisisch.

Da waren wir nun, 15.00 Uhr am Nachmittag, und die Polizei konnte uns nicht mehr schnell genug loswerden. Also fuhren wir. Frustriert und mit einem gewissen Ärger im Bauch. Denn der Fahrer würde ohne Strafe, mit dem Gefühl Touristen seien Freiwild, davon kommen. Wir hatten nicht die Zeit, den Fall mit einem Anwalt weiter zu treiben.

In Bishkek lernten wir dann auch, dass es uns viel, viel Geld kosten würde, den Fall weiterzutreiben. Leider haben die Kirgisen den Eindruck, Touristen seien wandelnde Bankomaten.

Ein Gedanke zu „Unser Abenteuer mit der kirgisischen Polizei“

  1. wenn zwei eine lange Reise tun, können sie viel erleben.
    Thomas, zum grossen Glück ist dir nicht Schlimmeres passiert;
    Klamotten, Seitentaschen etc. können ersetzt werden.
    Ich wünsche euch toitoitoi und allzeit gute Fahrt. Ruth

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s