Eine kanadisch-amerikanische Odyssee

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Es ist ein etwas eigenartiges Gefühl, wenn man Kontinent wechselt und beim Landen eigentlich noch gar nicht abgeflogen ist. So ging es uns nach unserem achtstündigen Flug von Tokio nach Vancouver. Die Überquerung der Datumsgrenze bringt dieses Phänomen mit sich: Abflug um 17.00 Uhr am Nachmittag, Ankunft um 09.00 Uhr morgens am gleichen Tag.

Vancouver empfing uns mit dem üblichen herbstlichen Nieselwetter. Da wir am nächsten Morgen schon bereits um 05.00 Uhr morgens am Bahnhof sein sollten, hatte ich uns ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs gebucht. Schlau, denn die East Hastings war noch nie eine gute Gegend. Und in den mehr als 20 Jahren seit ich in Vancouver lebte, ist sie nicht besser geworden…

Prompt wurden wir am 18. Oktober vom Taxi zum Bahnhof gebracht, wo auch gleich die Einreise in die USA stattfand. Am frühen Nachmittag stiegen wir in Longview, Washington, aus dem Zug. Unser Abholer liess etwas auf sich warten, tauchte dann aber doch auf.

Manch einer mag sich nun fragen, was es in Longview gibt, dass wir es so eilig hatten dahin zu kommen.

Da gab es UNSER NEUES, ALTES MOTORRAD!!!

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Unser BEAST

Wieso kauften wir uns ein Occasion-Motorrad? Das hat mehrere Gründe:

1.       Wollen wir unsere alten, betagten KTMs für aufregendere Strecken schonen, z.B. Südamerika

2.       Mit den KTMs noch auf hoher See und angeblich nicht vor Mitte November in Vancouver abholbereit, hätten wir sonst schon wieder ein Auto mieten müssen

3.       Wir werden jetzt im Winter hauptsächlich Strassen fahren – asphaltiert und nichtasphaltiert

4.       Wir haben nur noch ein Motorrad, was weniger Kosten und für Thomas weniger Arbeit bedeutet

Gary, der bisherige Besitzer des Motorrades, war so nett uns am Bahnhof abzuholen und zum Motorrad zu bringen.

Da stand sie: unsere BMW R1200GS Adventure!

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Gary, BEAST und Thomas

Dummerweise hatten wir unsere Motorradkleidung und die Stiefel mit den KTMs verschifft. So ging es erst mal in den Walmart was Warmes und was Wasserfestes kaufen. Modisches Aussehen war nicht unser Hauptanliegen. Preis und Funktionalität jedoch schon. In etwa vier Wochen sollten wir ja dann unsere eigene Kleidung haben.

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Chic, nicht?

Frohen Mutes brachen wir am nächsten Tag, nach Abschluss einer Motorradversicherung und dem Kauf einer amerikanischen SIM-Karte, Richtung New Mexico auf. Dort wollten wir uns, in der Nähe unserer Freunde, eine Bleibe suchen und mal eine Weile ausspannen. Ausserdem musste das Motorrad ja umgemeldet werden. Joanne und Mark kennen sich aus, hatten auch schon ihre Hilfe angeboten. So fuhren wir auf der direktesten Linie durch Oregon, Idaho und Utah nach Colorado.

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600 km trennten uns noch von unserem Ziel: Motorradtreffen in New Mexico – an dem all unsere Freunde gerade teilnahmen. Da traf am Freitagabend die völlig unerwartete und schockierende Nachricht ein: Eure Motorräder treffen am MONTAG in Vancouver ein!

Sollte das ein Witz sein? Wir befanden uns über 2‘000 km von Vancouver entfernt, mit einem Motorrad das nicht umgemeldet war, hatten noch keine Unterbringung für unsere KTMs und überhaupt… Samstag früh kam die Bestätigung unserer Agentin in Vancouver, dass die Motorräder am Dienstag ausgeladen würden und wir dann pronto persönlich die Verzollung in Angriff nehmen müssten.

Der Motelbesitzer in Dove Creek war so nett zwei Gepäckstücke für uns aufzubewahren bis wir wieder kämen. Hatten wir doch unser Zelt und das ganze Bettzeug aus Japan mitgebracht – falls wir dieses in unserer Unterkunft in Santa Fe später brauchen würden.

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Unser Gepäck aus Japan

 

Also machten wir uns eiligst auf den Rückweg nach Vancouver.

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Am Dienstag, nach 1‘899 km, stellten wir die BMW in Richland, WA, in eine Storage-Boxe. Mit einem Mietauto – der Vorteil an den USA ist, dass Thomas wenigstens ein richtiges Auto fahren durfte

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Jeep Patriot – ein richtiges Auto 🙂

– ging es nach Seattle, wo wir – nach genau einer Woche – wieder in den Zug stiegen.

 

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Entführung eines AMTRAK-Gepäckwagens 😉

Am Donnerstag ging es zum Zoll, wo wir ruckzuck abgefertigt waren. Freitag konnten wir unsere Motorräder im Zollfreilager abholen. Dort warteten zwei böse Überraschungen auf uns:

1.       Die Rechnung unserer Agentin, die doppelt so hoch war, wie sie uns angedeutet hatte

2.       Unsere Ausrüstung – STINKIG UND VOLLER SCHIMMEL – obwohl sie offen oben auf lag

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Unsere KTMs – endlich wieder

Wir zogen unsere Schutzkleidung nicht an, sondern luden alles wieder auf. Auf dem Rückweg kauften wir 4 l Essig, eine Bürste und die Megapackung desinfizierendes Waschmittel sowie ein 6-Pack-Bier. Dann ging es an die Arbeit: Alles was denkbar war, schmissen wir in die Waschmaschine am Hotel. Als uns die Münzen ausgingen, konnten wir an der Rezeption netterweise mehr wechseln. Stiefel, Zelt, Matten, Taschen und, und, und wurden in der Badewanne geschrubbt. 3 Tage waren wir mit nichts anderem beschäftigt. Dann musste das Zeug ja alles in unserem Hotelzimmer trocknen. Als es einen halben Tag mal nicht regnete und tatsächlich die Sonne durch die Wolken brach, verwandelten wir den Zaun um den Hotelpool in eine Wäscheleine.

Dann musste ich zum Interview für mein USA-Visum, was sich als völlig lachhaft herausstellte. Die Dame sah mich, wollte meinen Namen wissen und wieso ich eine USA-Visum beantrage, dann war das Interview beendet – Visum bewilligt. Während wir auf das Visum warteten, arbeitete Thomas an den Motorrädern. Einen Morgen mit gutem Wetter erkundeten wir Vancouver etwas – Granville Island Public Market gibt es noch! Mein Herz ging auf. Doch der Grund, wieso wir überhaupt in der Gegend waren – Motorenöl. Bis wir zurück im Hotel waren, regnete es wieder. Und ich rede nicht von dem typischen Nieselregen… Während Tagen schüttete es. Der Hotelparkplatz stand unter Wasser und auf Vancouver Island hatten sie sogar Überschwemmungen.

Vancouver nach 23 Jahren? War ein wenig wie Nachhause kommen. Ich mochte die Stadt damals und mag sie noch immer. Etwas erschreckend sind die vielen Obdachlosen, Bettler und Randexistenzen, die heute auch in der Innenstadt überall anzutreffen sind.

Brett, ein Mitglied von ADV – Adventure Rider, ein Motorradfahrer-Forum – war so nett seine Adresse für den Empfang meines Passes zu geben. Auch durfte Thomas in seinem Unterstand Ölwechsel machen. Ich wurde in derzeit von seiner Frau, Cimone, und ihrer Schwester umsorgt. Herzlichen Dank euch allen! Hoffentlich bis im nächsten Sommer!

Nach 9 Tagen Vancouver, 95% davon im Regen, brachen wir zum DRITTEN Mal in 18 Tagen Richtung USA auf. Die BMW musste bis am 16. November in New Mexico angemeldet werden. Super, da haben wir ja 12 Tage Zeit, MASSIG 😀

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