NICHT Willkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika

English version

Südlich von Vancouver hat es drei Grenzübergänge von Kanada in die USA. Die Abfertigungszeiten sind rechtzeitig für die entsprechenden Abzweigungen ausgeschildert. Wir entschieden uns, da alle Zeiten etwa identisch waren, für Peace Arch – den Grenzübergang direkt an der Küste.

Thomas, der mit seinem amerikanischen Pass einreisen durfte/musste, war ruckzuck durch. Wieso mit dem amerikanischen Pass? Als Besitzer eines amerikanischen Passes ist es verboten diesen bei der Einreise NICHT zu verwenden.

Die Dame an Grenzkontrolle meinte, ich müsste noch rüber ins grosse Gebäude um einen Stempel abzuholen. Auch wies sie mich daraufhin, dass ich trotz Visum nicht länger als 6 Monate in den USA bleiben dürfe. Thomas war beim grossen Gebäude unerwünscht. Er musste an der Verzweigung Stadt/Autobahn auf mich warten. Naja, das sollte ja nicht so lange dauern…

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T für Thomas, am Strassenrand…

Im Grenzgebäude erwartete mich nur eine sehr kurz Schlange. Für die meisten Reisenden fand die Abfertigung direkt im Auto statt. Trotzdem waren alle Schalter besetzt. Der Grenzbeamte, der mich zu sich winkte, war jung, grimmig und mit Strickmütze.

Recht forsch fragte er, was ich in den USA wolle und wie lange ich zu bleiben gedenke.
Meine Antworten waren, für mich, sehr logisch und harmlos. Reisen… Bleiben, so lange wie irgendwie möglich 🙂
Das schien ihm nicht zu gefallen.
Wieso ich ein Visum beantragt hätte? Ob es aufgrund meiner Besuche von Ländern, die meinen Visa-Waiver (Einreise ohne Visum, 90 Tage Aufenthalt bei Einreise) annullierten, wäre?
Nein, denn mir war nicht bekannt, dass ich für den Visa-Waiver nicht mehr qualifiziert bin. Das Visum dient einzig und allein dem Zweck länger als 90 Tage in den USA bleiben zu können.
Wie ich denn im Sinn hätte meinen Aufenthalt zu finanzieren?
Mit meinen Ersparnissen.
Wieviel Geld ich zur Verfügung hätte?
Cash, 10 Dollar – meine Kreditkarte – und mein Bankkonto zuhause.
Wieviel auf dem Bankkonto wäre?
Ich nannte ihm eine Summe.
Wieso er mir das glauben sollte?
Nun, er könnte mir einfach vertrauen, oder ich könnte ihm meinen letzten Bankauszug zeigen.
Vertrauen sei für ihn ausgeschlossen.
Als ob er mir das extra hätte sagen müssen. Sein Gesicht, seine Stimme, ja sein ganzer Körper stand auf Ablehnung.
Ob ich meine Finanzen auf meinem Handy hätte?
Nein, aber auf meinem Computer draussen am Motorrad.
Ob jemand für mich bürgen könne?
Ja, mein Mann und eine Freundin, die schon Bürgin für mein Visum war.
Wo mein Mann wäre?
Draussen, an der Verzweigung.
Er blätterte durch meinen Pass. Was ich in Syrien gemacht hätte?
Urlaub.
Urlaub? In Syrien?
Ja, damals war das noch kein Problem.
Wann ich das letzte Mal in Syrien gewesen wäre? Und aus welchem Grund?
Nur einmal, wohl 2010, als das Visum gültig war, in besagtem Urlaub.
Er schaute immer mürrischer aus der Wäsche.
Ich solle mich setzen gehen.

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Bei dem Foto ist es kein Wunder, dass ich nicht vertrauenswürdig wirke 🙂

Brav gehorchte ich der Anweisung. Um den jungen Mann herum entstand ein ziemliches Kommen und Gehen. Mein Pass wanderte von Hand zu Hand. Immer mal wieder wies jemand gestikulierend auf mich. Mir wurde langsam aber sicher unwohl. Bisher hatte ich die Möglichkeit, dass mich die Amerikaner nicht einreisen lassen würden, nicht in Betracht gezogen. Schon gar nicht nach der Odyssee, die wir hinter uns hatten.

 

Endlich wurde ich wieder an den Schalter gewinkt. Ein weiterer junger Grenzbeamter – mit einem noch radikaleren Haarschnitt als Thomas – hielt meinen Pass in den Händen. Mann oh Mann, was da jetzt wohl abgehen würde?

Er grüsste mich sehr freundlich und forderte mich auf ihm die ganze Geschichte nochmals zu erzählen. Er sei der, der mich nun abfertigen sollte. Also erzählte ich ihm von unserer Weltreise. Erklärte, wo wir durchgefahren sind und wie ich nun an diese Grenze kam. Nett und interessiert hörte er zu. Stellte auch Fragen, so wie – wo Thomas wäre. Er schaute seine Einreisedetails an und sah auch die diversen Aufenthalte, die mein Mann mit seinem deutschen Pass in den USA absolviert hatte. Dann kam die Sprache wieder auf die Finanzen. Erneut bot ich an, meinen Laptop zu holen und ihm alle Dokumente zu zeigen, die für ihn von Interesse sein könnten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger nahm er mein Angebot an. Ich beeilte mich diesem Wunsch nachzukommen, ohne Thomas mitzuteilen (über die Gegensprechanlage, die anscheinend noch lief), was eigentlich vor sich ging.

Der freundliche Grenzbeamte sah sich meinen Bankbeleg an, machte grosse Augen und wollte wissen, wie ich zu dem Geld käme.
Sparen, sparen, sparen. 100% arbeiten. Keine Kinder.
Und wo ich zuhause wohnen würde?
In einem Haus mit meinen Eltern, in dem mein Mann und ich eine Wohnung besitzen.
Ob ich das beweisen könne?
Ähm, sorry, aber die Besitzurkunde war dummerweise nicht auf dem Laptop (habe ich inzwischen geändert). Der Mietvertrag für die Wohnung jedoch schon.
Den wollte er dann auch sehen.

„Nun, Frau Binkle, eigentlich hatten meine Kollegen beschlossen, dass Sie nicht in die USA einreisen dürfen. Sie müssen verstehen, unsere Gesetze sind nicht auf Weltreisende ausgelegt. Die meisten Leute, die so kommen, bleiben einfach. Und die Tatsache, dass Sie Ihre Wohnung vermietet haben, spricht nicht für grosse Heimatverbundenheit. Auch, dass Sie Ihre Stelle aufgaben. Aber nach unserem Gespräch entschieden, Sie einreisen zu lassen!“

Dann stempelte er meinen Pass und ein Dokument, welches er in meinen Pass heftete, ab.
Ich müsse seinem Kollegen sechs Dollar bezahlen, dann dürfe ich gehen.
Ob ich nun meine letzten 10 Dollar geben müsse?
Er lachte.
Nein, sie würden auch Kreditkarte nehmen. Ich solle nicht vergessen bis spätestens am 3. Mai 2017 auszureisen. Bei der Ausreise müsse ich den Zettel aus meinem Pass unbedingt den Kanadiern überreichen.

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Mein Ausreisepapier

Die Amerikaner würden dann erfahren, dass ich offiziell ausgereist sei. Danach dürfe ich auch erneut eine Einreise versuchen.
Viel Spass in den USA und gute Reise, waren seine letzten Worte, gekrönt von einem Lächeln.
Ich hätte ihn küssen können, so erleichtert war ich.

 

Mehr als eine Stunde später, 6 Dollar ärmer, den Laptop notdürftig verstaut, war ich offiziell – wenn auch nicht sehr erwünscht – in die USA eingereist.

Ehrlich, mir graut etwas vor den nächsten 2 – 3 Einreisen in die USA, die wir 2017 auf dem Programm stehen haben. Und Kanada Anfang Mai… BRRRR!!!!

Ich hätte bei den 90 Tagen bleiben und stattdessen nach Mexiko fahren sollen 😀

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