Die ersten 100’000 km im Leben meiner KTM

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Eine Ode auf meine KTM? Vielleicht…

Wenig ahnte das arme Motorrad, was für ein anstrengendes, manchmal schon fast brutales Leben ihr in meinem Besitz bevorstand. Mit einem anderen Besitzer hätte sie es sicher besser gehabt: wäre geputzt und verwöhnt worden; hätte glänzende Speichen und Felgen – statt leicht angerostete; und sähe sicher ganz anders  aus.

Beim ersten Zusammentreffen war es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Viel zu hoch das Teil, lautete mein ungnädiges Urteil. Das zweite Zusammentreffen verlief  etwas unbeholfen. Thomas hatte in Erfahrung gebracht, dass es möglich sei den Federweg so zu kürzen, dass die Sitzfläche etwa 5 Zentimeter tiefer liegt. Im Ausstellungsraum beim Händler wies er mich an auf die KTM zu klettern. Er schob mir entsprechend zugeschnittene Holzklötze unter die Füsse und voilà!

Kaum war die KTM mein und stand in unserer Garage, wurde sie auseinander gebaut – Federbein und Gabelholme zum Kürzen gebracht. Wieder am Stück, gönnte Thomas uns einen Ausflug an den Lago Maggiore. Zur Anfreundung, bevor der ernsthafte Umbau begann.K1600_LagoMaggiore002 Es gab einen leuchtend orangen 30l-Tank und eine neue Sitzbank. Subtiler waren die Heizgriffe sowie die Handschützer, die fielen nicht auf. Diese Installationen permanent, fing Thomas mit den entfernbaren Veränderungen an. Die, die er immer wieder zurückbauen musste, wenn die KTM zur MFK (Motorfahrzeugkontrolle) musste. Ein neues Rahmenheck wurde geschweisst, mit Befestigungspunkten für zwei Seitentanks, 7 und 8l Fassungsvermögen. Somit waren wir bei 45l Benzin. Aluminiumkisten, meine alten (von der Hochzeitsreise, mit all den Aufklebern) sollten erneut ans Motorrad. Zwei 10l Blechkanister, ebenfalls für Benzin, sowie 4 Wasserflaschen für 10l Wasser mussten noch an die Alukisten. Auch eine neue Auspuffanlage gab es.

Endlich konnte das erste Abenteuer kommen. Westafrika, genauer Marokko und Mauretanien. Im Sand, unter der brennenden Sonne Afrikas schmiedeten wir unsere Freundschaft. Sie war einfach toll. Kerzengerade zog sie durch den Sand. Spurrillen waren nur ein kleiner Schwanzer, dann ging es wieder gerade aus. Ich schmiss sie in den Sand, versenkte sie darin, überliess sie einem Fahrer mit längeren Beinen und mehr Erfahrung, zwang sie über Dünen und am Strand entlang.

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Einmal Afrika war nicht genug. Immer wieder zog es uns in den grossen Sandkasten der Sahara. Stundenlange Fahrten, zu eisigen Temperaturen mitten im Winter, auf französischen Autobahnen um an die Fähre nach Marokko zu kommen. Eingepfercht sein, auf engstem Raum, mit stickenden LKW’s bei Seegang, der die Hälfte der Passagiere in die Horizontale zwang.K1600_011_Im Laderaum Nur um wieder durch Sand pflügen zu müssen,

über Reg-Ebenen gepeitscht zu werdenK1600_Westafrika140 und mit einer Beladung wie ein Tanklaster.

Als Dank liess ich sie einer Garage im Senegal ein Jahr lang verstauben. Doch im nächsten Winter kamen wir wieder. Diesmal für die Fahrt nach Norden. Wie immer auf so wenig Asphalt wie möglich. In Marokko traf meine KTM dann auf einen „Leidensgenossen“ – Teilnehmer der Paris-Dakar.

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Oft stand sie monate-, jahrelang rum ohne von mir Beachtung zu erhalten. Dann hatte Thomas eine neue Inspiration, entmottete die KTMs und los ging’s. Ohne sich zu beklagen oder ihren Dienst zu verweigern, machte sie alles mit. Wurde in einen Container geladen und in den Oman verfrachtet. Dort kam noch eine neue Komponente dazu – Wasserdurchfahrten. Der Sandkasten im Oman ist auch nicht zu verachten. Doch die Strecken durchs Gebirge erwiesen sich als Leidenszeit für uns beide. All dies nahm ein Ende als Tom’s KTM streikte. Ein afghanischer Gastarbeiter half beide auf den Pickup seines Arbeitgebers zu laden und fuhr uns nach Muskat, wo wir sie für den Heimtransport einstellten.

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Dann kam Thomas die Idee mit dem TAT – dem Trans-America-Trail. So wurden unsere KTMs – mit ausgebautem Vorderrad – in ein Alugestell gezwängt, an den Flughafen gefahren und nach Boston geflogen.K1600_005 Wiederzusammen gebaut, ging es ab – 

diesmal leichter bepackt als auf den anderen Reisen. Die Seitentanks und die Alukisten blieben in der Schweiz. Ohne Umwege fuhren wir nach Tennessee, hauptsächlich auf Interstates (Autobahnen). Mit dem offiziellen Beginn des TATs nahmen wir für die nächsten 3‘500 km fast ausschliesslich Abschied vom Asphalt. Feld- und Waldwege würden uns Richtung Westen bis nach New Mexico führen.

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Vor Oklahoma alles kein Problem 😉 Doch der dortige Matsch, glatt wie Schmierseife, brachte meiner KTM wiederholten Bodenkontakt.

Da mussten doch wieder Tom’s längere Beine her.K1600_148 Mit ihrem Kollegen – der SixDays – in ein schmales Kämmerchen – Selfstorage – gesperrt, hiess es für sie wieder ausharren.

Diesmal nur drei Monate. Schliesslich war Weihnachtsurlaub in der  Richtung Baja California angesagt. Doch bereits in Arizona gab es zwei Boxenstopps. Erst leckten an beiden Motorrädern die Federbeine, dann verlor meins einen Stopfen und verwandelte sich in eine Knattertüte. Dies beschaffte ihr, zum ersten Mal seit ihrem Kauf, einen kurzen Aufenthalt in einer professionellen Garage.K1600_027 MotoCity Knattertüte Endlich in Mexiko ging es vorbei an riesigen Saguaros und wilden Eseln, über Trampelpfade und Baja-Whoops.

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Die KTM wurde gewaltsam aufgebockt und demoliert, so richtig misshandelt.

Nur um dann, zurück in Albuquerque, New Mexico, für die nächsten 9 Monate erneut eingesperrt zu werden.K1600_008 Erbarmungslos quälte ich sie auf dem TAT weiter. Da die Route uns „nicht genug“ bot,

gab es noch einen Abstecher auf den White Rim Trail im Canyonlands Nationalpark.

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Wenige Wasserdurchfahrten, aber viele Spurrillen, Staub und Sand begleiteten uns bis zur Cascade Mountain Range in Oregon, wo wieder längere Beine gefordert waren.

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Dann hatten wir es geschafft. Der Pazifik lag vor uns.

K1600_251 Port Orford
Das Ende des TAT, Port Orford, Oregon

Von Los Angeles wurde sie endlich wieder – mit Seefracht nach Basel – nach Hause geschickt.

Treu und zuverlässig, ohne grössere Probleme zu machen, stand meine KTM nun wieder im Unterstand in Wünnewil. Doch Verschnaufpause war ihr von jetzt an keine mehr gegönnt. Denn, mit was für Motorrädern sollten wir auf Weltreise gehen? Genau, unseren KTMs. Da war ja schon alles dran was man so braucht. So zerlegte Thomas sie in Einzelteile; überholte, was überholt werden musste. Damit gab er sich jedoch nicht zufrieden. Neue, bessere Handschützer wurden montiert. Die Auspuffanlage geändert. Auch die Gepäcklösung wurde überarbeitet – die Alukisten verabschiedet und auf weiche Taschen umgestellt.

Im April 2016 startete unser derzeitiges Abenteuer. Bis Georgien war alles ganz zivil, sprich Asphalt. Doch je weiter nach Osten wir vordrangen, umso anstrengender wurde das Leben meiner KTM.

Ich jagte sie durch alle Arten von Wasser.

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Missbrauchte sie als Lastesel.

Quälte das arme Motorrad, mal allein, mal mit Hilfe, über jegliche Art von Untergrund – selbst in grossen Höhen.

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Sie erlitt alle möglichen Bodenkontakte.

Musste Brücken bewältigen, die kaum Motorradtauglich sind;

wurde mit schlechtem Benzin gequält;

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Berühmte Tankstelle in Kyubyume

nur um schliesslich auch noch aufgehängt zu werden.

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Verladung meiner KTM

Nordamerika bedeutete meine Untreue, aber auch eine Verschnaufpause für meine KTM. Im Frühsommer begann dann der Ernst des Lebens wieder. Doch die verbleibenden Kilometer – bis 100‘000 – verliefen relativ ruhig. Die Strassen und Pisten waren in gutem Zustand, auch wenn die KTM danach jeweils wie Sau aussah. Deadhorse erreichte sie bei etwas mehr als 90’000 km – der nördlichste Punkt, Start des „Las Americas“-Abenteuers.K1600_DSCN861838 Natürlich gibt es spektakuläre Orte um 100‘000 km zu erreichen. Inuvik, Dawson City oder der Salmon Glacier. Doch bescheiden und anspruchslos wie mein Motorrad eben ist, kamen sie völlig unspektakulär auf Vancouver Island, in Form eines platten Vorderreifens 😀

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4. Platten der ganzen Reise

Wo auch immer wir sind, was auch immer wir gerade machen… Ob ich sie verfluche, mit ihr schimpfe oder mein Hintern schmerzt – sie bereitet mir und auch anderen viel Freude.K1600_DSC_0116033

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2 Kommentare zu „Die ersten 100’000 km im Leben meiner KTM“

    1. Hoi Ruth
      Merci für die guten Wünsche und den Gruess aus der Heimat. Wir wünschen Euch besinnliche Feiertage und ein fetziges Neujahr. Liebi Grüess, Sandra & Thomas

      Gefällt mir

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