Vom Regen in die Traufe

Wir hatten viel von Bolivien gehört. Viele Leute schwärmen von der landschaftlichen Schönheit. Andere beklagen sich über die Berge von Müll. Wieder andere äussern sich zur Gesellschaft – wie schlecht die Frauen behandelt werden.

Der Wechsel von Peru nach Bolivien war nicht bemerkenswert. Der Titicacasee sieht von beiden Seiten der Grenze gleich aus 😉 Copacabana, besitzt auch einen Strand, erwies sich als sehr touristisch. Auf Grund von Strassenblockaden fuhren wir nicht Richtung La Paz, auch die „berühmte“ Todesstrasse liessen wir deswegen aus. Die Fähre über einen Zufluss des Titicacasees machte uns mit einer ersten unangenehmen Wahrheit von Bolivien vertraut: Ausländer zahlen immer mehr! Während Einheimische 3,67 BOB für einen Liter Benzin bezahlen, ist die offizielle Rate für Ausländer über 8 BOB. Auf dem Markt zahlte ich, je nach Marktfrau (oder Lust und Laune), bis zum Doppelten des Lokalpreises. Von den Eintritten zu Sehenswürdigkeiten ganz zu schweigen. Diese konnten bis zum Zehnfachen betragen.

Tiwanaku war eine der grössten und am längsten anhaltende Zivilisationen in Südamerika. Als die Inkas die Gegend erreichten, war die Stätte seit 500 Jahren verlassen. Der Besuch des archäologischen Parks zeigte uns etwas mehr als nur Steinhaufen – alles was die Konquistadoren nicht abtransportiert haben. Auch genossen wir die Gesellschaft unserer Freunde Mandi und John, neben deren Van wir schliesslich auf dem Parkplatz unser Zelt aufschlugen. -3°C erwies sich als Herausforderung für unsere Schlafsäcke.

Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege für etwas mehr als 24 Stunden

Für 7 Franken kriegt man was geboten 😉

bis auch wir den schönen Zeltplatz in Cochabamba erreichten. Dort verbrachten wir nochmals drei Tage zusammen, dann zogen Thomas und ich nach Sucre weiter. In Boliviens „weisser Stadt“ nahm ich für zwei Wochen Spanisch-Unterricht, in der Hoffnung mein Spanisch doch noch etwas auf den Vordermann zu bringen. Dass das Resultat nicht zu meiner Zufriedenheit ausfiel, liegt nicht an der Lehrerin. Wenn es um spanische Konjugation geht, wird mein Hirn zum Löcherbecken 😦

Natürlich drängte mich meine Spanischlehrerin auch die Stadt zu erkunden – all die touristischen Orte. Allen voran der „Parque Cretácico“, auch „Ballsaal der Dinosaurier“ genannt. Hier hat die tektonische Bewegung einen ehemaligen Teich- oder Seeboden vertikal gestellt, wodurch über 5‘000 individuelle Dinosaurier-Fussabdrücke (462 Spuren von mindestens 15 verschiedenen Dinosauriertypen) eine Steilwand hochführen. „Johnny Walker“, ein Baby-T-Rex, hat mit seiner 347 m langen Spur einen Weltrekord gesetzt.

Ein Höhepunkt in Sucre war das Wiedersehen mit Coco, Takeshi und Wasabi; später auch mit Mandi und John. Ausserdem tauchten noch zwei Motorradfahrer, Greg und Jacob, in unserem Hostel auf. Kulinarischer Natur: das beste Cheesecake (amerikanischer Frischkäse-Kuchen) in ganz Bolivien!

Potosí erlangte mit seinen Minen einen zwielichtigen Weltruhm. Einst war sie, auf 4‘067 m gelegen, die reichste Stadt von Südamerika – dank dem Cerro Rico. Ein Berg, dessen Inneres an einen Emmentaler erinnert. Längst ist der grossangelegte Abbau eingestellt, doch die Arbeiten gehen weiter. Wir wollten uns auf keine Minen-Tour begeben. Grund unseres Besuches war Interesse am kolonialen Erbe, das in der ehemals reichsten Stadt wohl zu finden sein müsste. Nicht Dynamit, Coca und der Teufel, von den Bergleuten Tío (Onkel) genannt, den sie huldigen damit er sie nicht verschlingt. Wir fanden nur wenig Prunk, dafür einen netten Hauptplatz und, was für eine Überraschung, eine Fussgängerzone.

Was wäre Bolivien ohne den Salar de Uyuni? Die grösste Salzpfanne der Erde ist in der Trockenzeit gleissend weiss, in der Regenzeit jedoch einer der grössten natürlichen „Spiegel“ der Welt. Bekannt sind meist die verrückten oder Stern-Bilder. Wir wollten unser Zelt nicht auf der Salzfläche aufstellen, auch war Thomas alles andere als angetan von der Idee mit dem Motorrad 100 km oder mehr über eine Salzfläche zu fahren. Kompromiss – mit einem Motorrad zum Dakar-Monument (ebenfalls aus Salz) zu fahren. Das sind nur 15 km von der Asphaltstrasse. Die Rallye Dakar hat den Salar, seit sie in Südamerika ausgetragen wird, nur einmal überquert. Danach hat man, aufgrund der vielen technischen Ausfälle im Anschluss, auf eine Wiederholung der Erfahrung verzichtet.

Am nächsten Tag brachen wir mit Coco, Takeshi und Wasabi auf die Lagunas-Route auf. Nun ist die Lagunas-Route nicht, wie der Name vermuten liesse, eine strikt definierte Route. Nein, es gibt drei oder mehr Zugänge – denn das Ziel von allen ist die „Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa“. Je nach Zugang hat man mehr oder weniger Unterkünfte, mehr oder weniger Bergseen und angeblich auch mehr oder weniger „Wellblech“. Wellblech“: der Name sagt schon alles, wenn es um den Zustand einer Piste geht. Stellt euch vor ihr würdet mit Auto, Motorrad, Fahrrad oder was auch immer der gewählte fahrbare Untersatz über aktuelles Wellblech – in jedem Gartencenter und Baumarkt erhältlich – fahren. Wir hatten in Afrika und Asien ausgiebig diesen Luxus genossen. Tausende von Kilometern Motorrad zerlegendes, Plomben aus dem Gebiss schüttelndes, Wirbelsäule quetschendes Gehoppel. Es gibt kein Entkommen.

Wir waren etwas im Zweifel, ob Takeshi’s Toyota Sienna der Herausforderung der Lagunas-Route gewachsen sein würde. Die ersten 90 km waren Piste aller feinsten Sahne – zu fahren wie Asphalt. Dann wurde es etwas rauer. Unser Abzweig war unpopulär. Kein Tourenfahrzeug begegnete uns. An der Laguna Cachi schlugen wir unser einsames Lager auf. Der Wind und die Kälte trieben uns bald ins Zelt. Um die Kälte zu überstehen, hatten wir eine zusätzliche Decke gekauft. Auch trugen wir Icebreaker-Wollshirt, Weste, Softshelljacke, lange Unterhose, Socken und die Thermofutter der Motorradkleidung – Thomas sogar seine Fleece-Mütze – in den Schlafsack. Kalt war uns zwar nicht mehr, aber vor lauter Kleidung konnten wir auf 4‘500 m kaum atmen 😀

Früh zeigte das Thermometer -10°C im Zelt. An der Zeltwand über unseren Köpfen hatte sich eine kleine Eisschicht gebildet und am Aussenzelt hingen die Eiszapfen. Nach einigen etwas anspruchsvollen Kilometern bogen wir auf die westliche Hauptpiste zum Parkeingang ab. Jupiiiieeee, hier war unser bester Freund, das Wellblech. Hunderte von Spuren zieren den Altiplano, aber Entkommen gibt es keines. Zur Erreichung des „Baum aus Stein“ (Arból de Piedra) galt es ein grosses Sandfeld zu durchqueren. Normalerweise kein Problem, sondern viel Spass, doch auf dieser Höhe machte sich die miese Qualität des Benzins mehr als nur bemerkbar. Weiter ging es: Laguna Colorada,Laguna Verde, Laguna BlancaEine zweite Nacht verbrachten wir in einem einfachen Hotel, da wir nicht wie unsere japanischen Freunde einfach die Tür zu machen und den Wind ausschliessen konnten.

Diashow: Bolivien bis Salta (Argentinien)

Tag 3 auf der Lagunas-Route, mein Geburtstag, fand uns nur noch 100 km von San Pedro de Atacama in Chile wieder. Der Wind blies stetig, so dass wir für Bilder nicht mal den Helm absetzten. Coco, Takeshi und Wasabi wollten gerne noch eine weitere Nacht an einer der Lagunen bleiben. Thomas und mich jedoch zog es in die Zivilisation – der Traum von einem guten Abendessen und einem Glas Wein erwies sich als stärker. Die Piste zur Grenze war gut, danach sollte Asphalt sein. So hatten wir keine Skrupel den Toyota seinem Schicksal zu überlassen. Wir würden uns am nächsten Tag in San Pedro wieder sehen. An der Grenze (4‘480 m) meinte Thomas, der Entwicklungsstand der Länder beiden Länder liesse sich auf einen Blick erfassen. So auch die Grenzabfertigung: Bolivien, in einem kleinen Gebäude aus Lehmziegeln, wollte 15 BOB pro Person für eine Grenzabfertigung die offiziell gratis ist. In Chile empfing uns eine moderne Halle, die Windschutz bot, und eine Heizung 😉 Thomas war dann nicht ganz so angetan, als wir am Zoll alle Taschen öffnen mussten.

Das Abendessen in San Pedro war, mit einer Gruppe von anderen Motorradfahrern, nett – Pizza und Bier. Naja, wir würden das Geburtstagsessen am nächsten Tag nachholen… Falsch gedacht, mein Geburtstagsessen wurde mir am nächsten Tag von Ednei geschenkt – Brasilianisches Churrasco! Ednei, Leonard, Pepy und Jonathan sind vier brasilianische Motorradfahrer auf Urlaub.

Mit Leonardo und Ednei

Mit ihnen, den anderen Motorradfahrern und unseren japanischen Freunden verbrachten wir einen feuchtfröhlichen Abend, erneut bei Bier.

Dann ging es für uns weiter nach Argentinien.
Wir hatten grosse Pläne. Und bis heute sind es Pläne geblieben. Die chilenisch-argentinische Grenze liegt auch wieder auf 4‘200 m, ohne grössere Infrastruktur. Die Tankstelle ignorierten wir, was sich als grosser Fehler erwies. Denn wir mussten unsere Pläne aufgeben, jagten stattdessen Geld und Benzin hinterher. So landeten wir, nach einer kurzen Verschnaufpause in Purmamarca, bereits in der argentinischen Stadt Salta – schweissgebadet. Nach den eisigen, windigen Höhen des Altiplanos und den moderaten Temperaturen in San Pedro empfing uns Salta mit 34°C.

Bolivien im Rückblick: Landschaft – schön, aber wahrscheinlich wesentlich eindrucksvoller für Reisende aus Chile oder Argentinien kommend,

Lagunas-Route

als wenn man bereits 2 Monate in den Peruanischen Anden verbrachte. Sicher hat Bolivien seine Müllhaufen, entlang der Hauptstrassen, in und um die Städte/Orte – doch die haben Peru, Mexiko und andere Länder auch. Zur Behandlung der Frauen kann ich nichts sagen. Irgendwie falle ich als Motorradfahrerin in eine andere Kategorie. Was mir meine Spanischlehrerin erzählt hat, scheint doch eher rückständig zu sein. Die Frau zieht zur Familie des Mannes. Auch sind gewaltsame Übergriffe wohl keine Seltenheit, sondern etwas womit bolivianische Frauen leben müssen.

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