XL – Extra Large

Brasilien – fünftgrösstes Land der Welt. Das letzte Abenteuer? Für Südamerika sollte es wohl eher unser zweitletztes werden 😉

Paradiesische Strände, warmes Wetter, alte Kolonialstädte und der Amazonas – Regenwald wie Fluss – sollten laut Reiseführer die Highlights sein. Die Distanzen – unglaublich. Zu weit um in den sechs Wochen, die wir uns für Brasilien Zeit lassen konnten, irgendwo hin zu kommen. Allein Rio de Janeiro, weit im Süden des Landes, ist auf direkter Strecke 2‘092 km von unserem gewählten Grenzübergang, Chuy, entfernt.

Brasilien – Südamerika Extra Large?
Europäisch und fremd zugleich.
Eine Sprache, die den Ohren vertraut ist. Melodiöser, sanfter als die spanischen Klänge, die uns seit Monaten umgeben. Das Gefühl, dass man es verstehen sollte, aber nur selten tut 😉
Wo sonst tönt dein Motorradtyp wie der Name einer Geliebten? Unser Freund Pepy hat eine Honda „Gisèle“ – wow, davon haben wir noch nie gehört. Es brauchte ein Bild, dass Leonardo uns zeigte um zu realisieren, dass wir „Gisèle“ sehr wohl kennen – einfach als Honda XL 😀

Erste Überraschung waren die beiden Grenzbeamten, die uns sowie unsere Motorräder abfertigten. Beide sprachen sehr gut Englisch. Einer erklärte uns auch, dass wir im Grenzgebiet zu Paraguay vorsichtig sein müssten und unter keinen Umständen nachts fahren dürften. Da die Importzölle nach Paraguay VIEL niedriger seien als in Brasilien wären in der Gegend viele Schmuggler unterwegs.

Die Provinz Rio Grande do Sul präsentierte sich am ersten Tag in einer unglaublichen Grünpalette – von satt glänzendem dunkelgrün bis zu leuchtendem hellgrün. Obwohl die Landschaft so flach war wie eh und je, gestaltete sich die Fahrt abwechslungsreich. Weide- und Ackerland wechselten sich mit Sumpf, Wald und kleinen Seen ab. Die Häuser, klein und bescheiden, wirkten wie Farbkleckse. Nicht nur die Landschaft wirkte tropischer, auch die Windwarnschilder werden hier von einer Palme geziert statt von einem Baum/Busch geziert.

Wir sahen eine unglaubliche Vielfalt an Tieren – leider alle tot am Strassenrand.

Unsere Freunde hatten uns empfohlen Gramado – eine Stadt in den Bergen – zu besuchen. Berge, wo gibt es hier Berge?

Die Landschaft wurde jedoch tatsächlich hüglig, die Strasse kurvig. Wir stiegen auf 800 m. Und landeten in einem exotischen „Alp“-Traum. Fachwerkhäuser,

Okay, kein Fachwerkhaus – aber trotzdem…

Chalets,

Fonduerestaurants,

noch mehr Fonduerestaurants…

Oh, und habe ich schon die Fondue-Restaurants erwähnt? 😉

…Chocolateries, Bratwurst und deutsches Bier

sind an der Tagesordnung.

Doch nicht nur Architektur wie auch Gastronomie erinnern an die Alpen.

Fussgänger haben auf den Strassen Vortritt und die Gehsteige sind blitzblank.

Streunende Hunde, seit Mexiko normal, gibt es kaum. Dafür taucht die Katze wieder als Haustier auf.

Wir stiegen in einem Hotel ab, dass sich als äusserst preiswert erwies. Eine Gästeküche mit Kochherd, Backofen und Mikrowelle wie auch Töpfe/Geschirr: alles vorhanden. Aber das Frühstückbuffet war jenseits – einfach himmlisch. Täglich waren mindestens sechs süsse und sechs herzhafte Kuchen im Angebot, diverse Brote, Brötchen, Käse, Fleischwaren, Eierspeisen, Milchprodukte, Müsli und Früchte zum Abwinken. Ich habe es leider verpasst ein Foto zu machen 😦

Das Frühstück reichte den ganzen Tag. Peinlich, peinlich, ich muss zugeben, dass die herzhaften Kuchen so lecker waren, dass ich uns immer fürs Abendessen etliche Stücke aufs Zimmer geschmuggelt habe.

Thomas nutzte die Gelegenheit einen Ölwechsel zu machen. Dass er dabei Metallspäne an meiner Ablassschraube fand, dämpfte unseren Enthusiasmus sehr 😦
Wir beschlossen wie geplant zu unseren Freunden nach Criciúma zu fahren und dort die Ölablassschraube nochmals zu prüfen.

Einige Kurven führten über eine gute Asphaltstrasse aus Gramado heraus. Auf der Hochebene ging es weiter nach Norden. Die Landschaft ist nett, grün und nicht langweilig. Wir ahnten nicht, dass wir einer Bruchkante zwischen Hochebene und Küstenregion folgten, die in etwa von Gramado bis Florianópolis führt. Wir schwankten die ganze Zeit auf einer Höhe von 800 bis 1‘000 m. In Cambará do Sul bogen wir von der Asphaltstrasse auf eine unbefestigte Strasse ab.

Unser Ziel war der Cânion do Itaimbezinho,

eine 5,8 km lange und 600 m tiefe Schlucht. Und so toll die Schlucht auch sein mag,

waren es doch die Araukarien-Wälder die uns beeindruckten. So viele, so dicht bei einander und an einer Stelle, an der wir dies „Ur“-Bäume nicht erwartet hätten.

Von 1‘000 Höhenmeter am Cânion do Itaimbezinho ging es in etlichen unbefestigten Haarnadelkurven nach Praia Grande (grosser Strand – doch Strand haben wir eigentlich keinen gefunden) auf 30 m über Meer. Dort genossen wir bei über 30°C die Kühle des Flusses, eisiges Bier und die Vielzahl an Schmetterlinge,

die allgegenwärtig zu sein scheinen.

Wir hatten eine Verabredung mit unserem Freund Pepy. Um 14.00 Uhr sollten wir uns in Criciúma treffen um mit ihm an den Strand zu fahren. 250 km auf Asphalt sollten keine Herausforderung sein.

Ha, was auf unseren Karten wie Asphalt aussah, war in Wirklichkeit 185 km – mit Umweg – unbefestigte Strasse.

Auf der Hochebene

Die Küstenebene bald hinter uns lassend, erklommen wir die Hochebene wieder.

Zeitlich schon etwas knapp dran, war die fehlende Brücke etwas ein Schock.

Doch ein hilfreicher Einheimischer erklärte uns dann sehr genau, wie wir den 10 km Umweg fahren sollten.

Der Höhepunkt des Tages, der Aussichtspunkt

Coaties (Nasenbären) belagern den Parkplatz des Aussichtspunkts

über die Serra do Rio do Rastro, versank im Nebel.

So waren auch die unzähligen, zementierten Haarnadelkurven, die von 1‘460 m in die Küstenebene führten, eine neblige Herausforderung.

Peinlich, peinlich; mit einer Stunde Verspätung trafen wir schliesslich am Treffpunkt ein. Nicht nur Pepy wartete vor der geschlossenen Kneipe auf uns. Nein, Jonathan – den wir auch aus San Pedro de Atacama (Chile) kannten – und Gabriel ebenfalls. Gemeinsam fuhren wir zum Strandhaus von Pepy’s Familie, in dem wir die nächste Woche leben durften. Während Gabriel und Jonathan zum Einkaufen fuhren – ein Schweizerisches Café Complet – zeigte uns Pepy die Örtlichkeiten. Nach der gemeinsamen Mahlzeit verliessen uns unsere Freunde, ganz bang dass wir nicht satt wären. Wirklich, keine Pizza mehr???

Dienstag verbrachten wir ruhig im Strandhaus. Das Wetter war okay, aber zu kalt zum Baden.

Der Ort, unter der Woche in der Nebensaison, tot – bis auf zwei Supermärkte und eine „Loch-in-der-Wand“- Bar.

Einer unserer wenigen Nachbarn am Strand

Am Mittwoch-Abend war Churrasco angesagt.

Ednei, unser Grill-Meister aus San Pedro, konnte leider nicht dabei sein. Gabriel war jedoch ein würdiger Ersatz-Grillmeister. Leonardo, Jonathan, Pepy – mit Frau Giovana und Tochter Yasmin – waren jedoch für den vergnüglichen Abend ebenfalls präsent.

Von hinten nach vorn / rechts nach links: Gabriel, Yazmin, Pepy, Giovana, Leonardo und Jonathan

Beim Abschied wurde Barbesuch für Freitag ausgemacht

– mit Fahrdienst. Hin- und Rücktransport

Nur was Kleines zum Knabbern 😀

– vom Strandhaus zur Bar – 40 km ein Weg.

Natürlich in einer Biker-Bar

Doch erst besuchten uns am Donnerstag noch Pepy’s Eltern Pedro und Irene – mit Kaffee und „Kuchen“.

Der Kuchen war: Wow, Schlüferli…

Wer hätte gedacht, dass diese Spezialität es über den grossen Teich schafft 😀

Sonntag waren dann Ednei und Pepy, mit Familien, Jonathan und Gabriel nochmals bei uns im Strandhaus.

An der Stelle ein riesiges Dankeschön an die Papas do Asfalto – Pepy, Leonardo, Jonathan, Gabriel und Ednei mit ihren Familien. Sie boten uns, wie unsere Freunde in Mexiko und den USA, eine Heimat fern der Heimat. Amigos, foi fantástico! Obrigado!

Schweren Herzens hatten wir uns bis dahin entschlossen direkt nach Buenos Aires zurück zu kehren. Zusätzlich zu weiteren Spänen an der Ölablassschraube hing nun auch noch ein Öltropfen an meinem Federbein.

Mit den besten Wünschen und Routenempfehlungen unserer Freunde nahmen wir die 1’500 km in Angriff. Diese verliefen zum Glück ohne Zwischenfälle.

Vor unserer Wohnung in Buenos Aires

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